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Hellmut Münzner

Fotografischer Nachlass

2015 / 2020 © Thomas Gade

Teil I Erwerb 2003: ca. 50.000 Dias / 10.000 SW-Negative
Teil II Erwerb 2017: ca. 40.000 Dias / 5.000 SW-Negative

Hellmut Münzner (1906 - 1991) stammte aus Dresden. Er wurde Lehrer. Laut mündlicher Infos aus seiner Umgebung diente er während des zweiten Weltkriegs als Soldat und geriet am Ende in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er bereits nach ca. zwei Wochen entlassen wurde. Da er Mitglied der Nationalsozialistischen Partei war, konnte die schnelle Entlassung ev. durch eine falsche Namensangabe während der Kriegsgefangenschaft zustande gekommen sein. Wegen seiner (unklaren) Vorgeschichte kehrte er nach dem Krieg nicht nach Dresden zurück, sondern wagte in Duisburg als Handwerker / Maurer einen Neuanfang. Erst 10 Jahre später durfte er dort wieder als Lehrer arbeiten und brachte es zum Studiendirektor.

Hellmut Münzner reiste viel und war ein fleißiger und talentierter Amateurfotograf. In mehr als sechs Jahrzehnten fotografierte er leidenschaftlich alles, was ihm vor die Kamera kam. Bemerkenswert sind seine zahlreichen Reisen nach Israel und in andere nahöstliche Länder während der 1950er/1960er Jahren. Was hatte ihn dorthin getrieben?

1967 soll Münzer während des 6-Tage Kriegs Passagier auf einem der 14 Schiffe gewesen sein, die durch die Sperrung des Suezkanals nicht mehr fortkamen.

Münzner reiste meistens mit seiner Frau in Reisegruppen einer Volkshochschule. Er fungierte als Organisator solcher Reisen, während der er sich unterwegs häufig von der Gruppe entfernte, um zu fotografieren. Er wurde mehrmals festgenommen und konnte sich mit den höheren Sicherheitskräften, die studiert hatten und vielfach Latein sprachen, in der alten Sprache unterhalten. Offenbar hat ihm diese Gemeinsamkeit aus prekären Lagen geholfen. Seinen Reisen und seiner Fotobessesenheit haftet etwas Mysteriöses an, denn sie sprengte bei weitem das Volumen ambitionierter Amateurfotografen.

Erwerb des Nachlasses

2003 entdeckte ich diverse Konvolute aus dem Münzner Nachlass bei Ebay. Es wurden einzelne alte Zigarrenkisten gefüllt mit Dias angeboten. Ich kontaktierte den Anbieter und bat ihn, den Verkauf in Teilen einzustellen, weil der Nachlass zusammenbleiben sollte. Er unterbreitete mir ein Angebot für den gesamten fotografischen Nachlass. Für 3000 € brachte er mir 30 Bananenkisten gefüllt mit Zigarrenkisten voller Dias und zwei große Kartons randvoll mit Filmdosen, die jeweils bis zu 15 Schwarzweissfilme enthielten. Ich erfuhr, dass dies nur die Hälfte des Materials war, stritt mich aber nicht mit dem Anbieter über die fehlenden Bilder, weil die 30 schmuddeligen Bananenkisten in meiner Wohnung kein erfreulicher Anblick waren und klar erkennbar war, dass ihre Sichtung und Erschließung lange Zeit in Anspruch nehmen sollten. Es daurte einige Jahre bis dieser Prozess allmählich zu einer brauchbaren Erschließung führte.

Ich versuchte aufgrund des bis dahin gewonnenen Überblicks mehr über den Fotografen und seine Reisen zu erfahren. Der Kontakt mit dem Verkäufer blieb lose erhalten. 2016 erfuhren ich von ihm, dass Münzner zwei Garagen voller Regale mit Filmen und Dias hinterlassen hatte. Einiges musste rasch entsorgt werden. Seine Tocher konnte leider aufgrund ihrer Demenz keine Informationen mehr beisteuern, aber ihr Ehemann wußte noch einiges zu berichten. Der Verkäufer der Dias wußte auch einiges über Münzner, weil seine Mutter im gleichen Haus wie die Münzners gelebt hatte und er mit der Nachlassauflösung beauftragt wurde. 2017 erhielt ich vom Verkäufer den noch bei ihm befindlichen restlichen Nachlass, in dem viele Dias durch eine ungünstige Lagerung allerdings bereits verdorben waren.

Hellmut Münzner
Hellmut Münzner

Münzner lagerte seine Fotos zuletzt in zwei angemieteten Garage, weil ihm das Aufbewahren der vielen in Glas gerahmten und insgesamt durch die Menge zu schweren Dias zuhause aus statischen Gründen untersagt war. Sein Schwiegersohn, Guido Rünagel, berichtete, dass der Schreibtisch Münzners durch das Gewicht der Dias durchgebogen war.

Leider sind einige Diaserien durch bakteriellen Befall und Pilzbewuchs angegriffen. Beim Sichten musste besonders schadhaftes Material ausgesondert und vernichtet werden. Leider gehörten dazu auch viele gute Bilder, die nicht mehr zu retten waren. Mit digitalen Bildbearbeitungsmöglichkeiten wurden Defekte retuschiert und ausgeblichene Farben rekonstruiert.



Qualitativ sind Münzners Bilder sehr unterschiedlich. Es gibt wunderbare Bildstrecken neben langweiligen und technisch minderwertigen Bildern. Er hatte die Angewohnheit, aus fahrenden Fahrzeugen wie Reisebussen und Eisenbahnen ganze Filme nur mit vorbeiziehenden Landschaften zu belichten. Der nahe Vordergrund ist verwischt, dahinter gibt es landschaftliche Motive. Darunter sind nur wenige gute Bilder zu finden. Doch gibt es neben solchen Serien eine ganze Menge hervorragender Aufnahmen, vor allem aus den Jahren zwischen 1930 bis 1970.


Diaarchiv: Bananenkisten voller Zigarrenkisten.


Negativarchiv: Zahlreiche Blechdosen mit aufgerollten Filmen

Münzner erstellte aus seinen Bildern Diavorträge. Er ergänzte seine eigenen Aufnahmen mit Repros aus Büchern und Zeitschriften. Bei der Aufarbeitung der Münzner-Bilder wurden die Repros, Diaduplikate und umkopierten Negative aussortiert. Es kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass noch immer einzelne nichtidentifizierte Repros von fremden Bildern in einigen Diaserien sind.


1969 Jordanien - Amman


1950er Sizilien

um 1935 Jungs auf Klassenfahrt. Rochsburg

um 1930 Italien - Markt

1950'er Frankreich

   1980 Rheinland Pfalz - Dampfer

1950'er Spanien - Sevilla

1959 Mailand