10.000 Dias von Fritz und Christa Lindner. Fotonachlass
2025 © Thomas Gade
Viele Dias von zahlreichen Reisen
Die kürzlich erfolgte Übernahme zahlreicher Kleinbilddias aus dem Nachlass des verstorbenen Ehepaars Christa und Fritz Lindner bietet einen geeigneten Anlass, die ersten Schritte zur Bearbeitung solcher Konvolute zu beschreiben. Sie unterstützen eine effiziente Erschließung ohne Zeitvergeudung.
Das Ehepaar unternahm ab Mitte der 1970er Jahre zahlreiche Reisen, zuerst zu näheren Ziele in Europa, wie Mallorca, Kreta oder die Alpen für Skiurlaube und ab 1982 in weiter entfernte Länder im Nahen und Fernen Osten, Nordafrika und Mexiko. Auffällig war, dass die längeren Fernreisen stets im späten Herbst oder zwischen Februar und April stattfanden, außerhalb der Sommerferien. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen war das kinderlose Ehepaar nicht an Schulferien gebunden, zum anderen verbrachte es die Freizeit während der Sommermonate im Schrebergarten mit Laube.

Transport des Nachlasses durch einen Paketdienst in vier Umzugskartons
Der Nachlass umfasst 54 Diakästen mit je zwei Magazinen für 50 oder 80 Dias, 13 größere Kartons sowie einen Holzkasten mit Schachteln voller gerahmter Dias. Ergänzt wird die Sammlung durch elf Umschläge mit entwickelten Dias. Der Transport erfolgte in vier prall gefüllten Umzugskartons mit einem Gesamtgewicht von 80 kg. Eine erste Prüfung deutet auf insgesamt 10.000 bis 12.000 Dias hin. Trotz dieses Umfangs sind Volumen und Gewicht relativ gering, da die Fotografen dünne Diarahmen ohne Glasscheiben bevorzugten. Dies erleichtert die Handhabung, da ein aufwendiges Ausrahmen zum Entfernen von Newtonringen und eingeschlossene Trübungen oder Staub vor dem Scannen entfällt. Die Dias wurden in verschlossenen Behältern sauber und trocken gelagert, was ihren ausgezeichneten Zustand erklärt. Sicherlich gab es auch Fotoalben, Negative und Abzüge, ihr Verbleib ist jedoch unklar.

54 Kästen mit je zwei Diamagazinen

Viele Dias in den Schachteln aus dem Fotolabor. Die Beschriftung ist knapp, aber schlüssig.

11 Auftragstaschen mit gerahmten Dias. Der Fotograf hatte sie einige Monate vor seinem Tod entwickeln lassen. Deshalb sind wohl nicht in Magazinen oder in kleinen Plastikschachteln wie die älteren Dias.
Organisation und Beschriftung
Die Behälter sind beschriftet, etwa mit „10/85 Jordanien“ für Oktober 1985 in Jordanien, was eine genaue Zuordnung zu Monaten, Jahren und Ländern ermöglicht. Manche Schachteln und Diakästen tragen Kürzel wie „C4“, die vermutlich auf verlorene Notizen verweisen. In einem Karton befand sich ein Notizblock mit handschriftlichen Aufzeichnungen und eingeklebten gedruckten Infos zu den jeweiligen Reisetagen. Dieser Fund legt nahe, dass das Ehepaar an organisierten Reisen teilnahm.
Dokumentation: Grundlage für die Archivierung
Eine sorgfältige Dokumentation ist essenziell. Der Eingang von Fotobeständen sollte stets mit Zeitpunkt und Herkunft festgehalten werden. Für jedes Konvolut wird ein Verzeichnis angelegt, in dem die gesamte Korrespondenz digital gespeichert ist. Es empfiehlt sich, die Pakete nach Eintreffen und den Inhalt nach dem Auspacken zu fotografieren – ein Smartphone genügt dafür. Bei der späteren Bearbeitung sollten alle Behälter, Notizen und Beschriftungen fotografiert oder gescannt werden. Die Dateien müssen mithilfe eindeutiger Namen sicher den jeweiligen Bildserien zuzuordnen sein. Dies gilt auch für kleine Zettel, Auftragstaschen und handschriftliche Vermerke. So bleiben die ursprünglichen Informationen auch nach einer Komprimierung oder Umverpackung erhalten, ein sehr wichtiger Schritt zur korrekten Archivierung, die den Weg der Bilder nachvollziehbar macht.
Sichten und Auswählen
Nach der Dokumentation folgt die Sichtung und Auswahl der Dias, die dauerhaft bewahrt werden. Es geht darum, die weniger guten Bilder zu entsorgen, um den Aufwand für weitere Schritte durch eine Reduzierung des Volumens zu verringern. Im Gegensatz zu Negativen mit umgekehrten Tonwerten ist dies bei Dias erfreulich einfach. Der Diabetrachter Osram Diastar 200 mit Wechselvorrichtung ist dafür ein ideales Hilfsmittel. Er ist gebraucht für etwa 20 € erhältlich und liefert vom Kleinbilddia ein Bild mit 13,2 x 19,5 cm Größe, das eine rasche Beurteilung ermöglicht.

Osram Diastar 200. Perfektes Hilfsmittel zum Sichten gerahmter Kleinbilddias.

Dias auf dem Leuchtkasten. Für Laien verwirrend: Der Druck auf den Diarahmen steht auf dem Kopf. Außerdem sind die Dias horizontal gespiegelt. Ohne erkennbare Ziffern und Buchstaben fällt das nicht jedem auf. Es macht aber Sinn, weil die Rückseite nicht bedruckt ist und Platz für eigene Notizen bietet, die in diesem Konvolut allerdings fehlen. Im großen Bild ist das indische Dromedar vor Sonnenuntergang für eine korrekte Orientierung gespiegelt worden.
Kriterien für die Auswahl
Die Auswahl basiert auf inhaltlicher und ästhetischer Qualität, die stark von den Fähigkeiten der Fotografen und den Aufnahmebedingungen abhängt. Antike Ruinen oder bekannte Sehenswürdigkeiten sind oft von Archäologen oder Institutionen in hoher Qualität dokumentiert und online verfügbar. Amateurfotos solcher Motive sind daher meist entbehrlich. Viele Reisende nutzen dieselben Routen und fotografieren dieselben Orte, die sich über Jahre nur geringfügig verändern, was aus Sicht eines gemeinsamen fotografischen Erbes zu redundanten Aufnahmen führt. Wenn ein Hobbyfotograf etwa 100 Bilder einer Stätte macht, aber nur zehn durch Komposition, Lichtführung oder technische Qualität überzeugen, werden eben 90 aussortiert. Unscharfe oder technisch mangelhafte Fotos sind i.d.R. wertlos, es sei denn, Unschärfe wird bewusst als Stilmittel eingesetzt, was bei Reisefotos selten der Fall ist.
Selbst talentierte Fotografen haben Höhen und Tiefen. Ein Reisefotograf, der jahrzehntelang beeindruckende Bilder schafft, büßt im Alter an Können ein. Fotos aus einem Reisebus bei der Fahrt durch den Spreewald, aufgenommen mit einer einfachen Kamera, sind oft so schwach, dass sie keinen Wert haben. Ebenso verlieren analoge Aufnahmen von Flora und Fauna, etwa Pflanzen im Schrebergarten, an Relevanz, da bereits moderne Smartphones bessere Ergebnisse liefern. Sentimentale Bilder, wie Aufnahmen von Haustieren, sind meisten überflüssig, es sei denn, sie erfüllen einen dokumentarischen Zweck. Gleiches gilt auch für Makroaufnahmen, etwa von Insekten. Eine gewöhnliche Kreuzspinne kann digital mit Focus-Stacking mit viel besserem Ergebnis aufgenommen werden. Die analogen Insekten-Bilder eines Biologen mögen als Belege und Lehrmaterial einen bleibenden Wert haben, aber viele Fotos von Hummeln oder Schmetterlingen auf Blüten im Garten des Amateurfotografen gehören meistens nicht dazu. Hier sollte man nur wirklich gelungene Bilder aufbewahren.


Beispiel: Archivieren oder wegwerfen? Ein Foto aus Indien (Rajasthan, 1988) zeigt eine spannende Farbkombination, leidet jedoch unter Schiefe, perspektivischer Verzerrung und einem zu knappen Ausschnitt. Digitale Bildbearbeitung kann dies korrigieren, doch lohnt der Aufwand? Bei 1.000 Fotos, die jeweils fünf Minuten Bearbeitung erfordern, summiert sich der Zeitaufwand auf 83 Stunden. Solche Überlegungen verdeutlichen, warum eine strenge Auswahl unerlässlich ist, um die Erschließung eines Nachlasses realistisch zu gestalten.
Welche Bilder bleiben?
Sind die Urheber bekannte Persönlichkeiten oder legendäre Fotografen, wie Tina Modotti oder Lewis Hine, werden alle Bilder unabhängig von ihrer Qualität aufbewahrt. Für Amateurfotografen, die als Personen keine historische Relevanz haben, gilt dies aber nicht.
Fotos mit dokumentarischem oder historischem Wert sollten bewahrt werden. Dazu zählen Langzeitdokumentationen aus dem Berufsalltag, Serien zu Wahlplakaten, Schaufenstern oder städtebaulichen Entwicklungen. Aufnahmen mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg, der Nachkriegszeit, politischen Demonstrationen oder zur innerdeutschen Grenze sind historisch bedeutsam. Ebenso wertvoll sind Bilder, die tiefe Einblicke in Hobbys oder Lebensweisen zeigen, wie eine gute Bilderserie über Faltboote aus den 1940/50er Jahren. Fotos, die technologischen oder gesellschaftlichen Wandel zeigen, etwa Warteschlangen vor Telefonzellen, sind ebenfalls erhaltenswert. Thematische Serien, die den Sammler persönlich nicht ansprechen, aber für andere relevant sind, sollten nicht entsorgt, sondern weitergegeben werden, etwa an spezielle Museen oder Archive.
Herausforderungen für Museen
Museen zögern oft, Nachlässe konsequent zu sichten und schwache Bilder zu entsorgen. Fehlende Richtlinien oder Mut, mangelnde Kompetenzen oder begrenzte Ressourcen führen dazu, dass viele Konvolute unbearbeitet bleiben. Dies mindert die Bereitschaft, neue Bestände aufzunehmen. Private Sammler sollten sich solchen Zwängen nicht unterwerfen.
Bedeutung der Vorarbeit
Fotosammler, die ihre Archive später aus Altersgründen auflösen, können durch gründliche Vorarbeit sicherstellen, dass ihre Sammlungen leichter in Museen integriert werden. Eine sorgfältige Auswahl erhöht die Chance, dass die Fotos langfristig erhalten bleiben und geschätzt werden.