Fotoarchiv Gade

Ägypten. Baumwolle. Händler. Planfilm Negative um 1905

Text: Thomas Gade / Zugang: 2017      english Version


1905. Baumwollhandel in Ägypten. Arbeiter beim Entladen eines Bootes

Ein alter Trödelhändler, der sich zur Ruhe setzte, löste im Jahre 2017 sein Geschäft auf. Das war ein längerer Prozess, weil er im Laufe der Zeit viele Dinge zusammengetragen hatte, die aber nicht alle verkäuflich waren. Er musste seine Räumlichkeiten entrümpeln, was bei einem gestandenen Trödelhändler dauerte, der in dem Zuge natürlich alles noch einmal inspizierte, um zwischen Müll und Verwertbarem zu unterscheiden.

Wir kannten uns, weil ich 2003 von ihm einen großen Teil des fotografischen Nachlasses von Hellmut Münzner erworben hatte und wir in losem Kontakt blieben. In dem besagten Jahre 2017 tauchten noch weitere Bananenkisten voller schmutziger Zigarrenkisten mit vielen Dias vom gleichen Fotografen auf, die mir überlassen wurden.

Außerdem erhielt ich als Gratisbeigabe zwei Negativalben von anderen Fotografen, die zunächst unscheinbar wirkten. Man konnte die Negative in den alten vergilbten und brüchig gewordenen Pergaminhüllen gar nicht sichten. Deshalb hatten sie wohl auch nie einen Käufer gefunden. Ich versprach mir nicht viel davon, weil der alte Fuchs ein guter Geschäftsmann war, der mich mehr Geld gekostet hatte, als ich jemals für fotografische Nachlässe ausgeben wollte. Es sah ihm nicht ähnlich, mir gute Negative kostenlos zu überlassen. Aber er wollte wohl seine Lagerentrümelung zügig voranzutreiben, sodass er einiges verschenkte.



So erhielt ich ein kleines in Leder gebundenes Album mit 100 Pergaminhüllen. In alten Kodak Katalogen aus den Jahren 1900 bis 1905 fand ich ein nahezu gleichartig aussehendes Exemplar mit der Bezeichnung Eastman’s Negative Albums for 100 negatives 3½ x 4½ für einen Dollar. Offenbar war das damals eine übliche Aufbewahrung für solche Negative.


Altes Einsteckalbum für Negative. Die Negative und handschriftlichen Notizen wurden in neue Hüllen umgepackt.

Später stellte es sich heraus, dass es Erinnerungsfotos waren, die wahrscheinlich 1904 und 1905 enstanden. Wollhändler waren nach Ägypten gereist, um Baumwolle in den Lagern zu inspizieren und Geschäftspartner aufzusuchen. Anschließend begaben sie sich zu Schafzüchtern nach Australien und Neuseeland.

Material

Die alten Schwarzweiß-Negative sind etwa spielkartengroß und sehr dünn. Sie rollten sich nach dem Herausholen aus den Pergamin-Umschlägen zusammen. Das geschah nicht spontan, sondern dauerte etwa eine Minute. Das erschwerte es, diese Filme zu scannen, die nicht flach auf dem Vorlagenglas eines Scanners liegen blieben. Passende Rahmen, in die sie zum Flachhalten eingespannt werden konnten, gab es nicht.

Einige Filme waren eindeutig Blattware, also Planfilme. Viele waren unregelmäßig geschnitten. Vielleicht passten die Originale nicht in die Pergaminhüllen und wurden deshalb mit der Schere verkleinert.

Eine ruhige Vorabbetrachtung auf einer Leuchtplatte fielt wegen der Neigung zum Aufrollen aus. Zum Scannen der Filme wurde eine Glasscheibe auf sie gelegt, um sie flach zu halten. Sie stammte aus einem Bilderrahmen und hatte auf einer Seite eine Antireflexbeschichtung, die auf die glänzende Seite der Filme gelegt wurde, um Newtonringe zu vermeiden.

In fast allen Umschlägen aus Pergamin befanden sich mehrere Filme. Die Umschläge 80-91 waren leer. Die folgenden enhielten teilweise mehr als zehn Filme. Eine Liste mit handschriftlichen Bildbeschreibungen erleichterte die Bilderschließung.


Amerikanisches Kriegsschiff

Scannen

Die Filme wurden mit Flachbettscannern von Epson gescannt (Epson Expression 10000XL / der Epson Perfection V750 Pro). Beide lieferten ungefähr die gleiche Qualität. Der V750 Pro scannte etwas schneller, während der Expression 10000XL eine Din A3 große Auflagenfläche hatte und der Reihe nach eine größere Menge Bilder scannen konnte.

Danach hatten die Filme einen so starken Drall, dass sie nicht mehr in die ursprünglichen, über 100 Jahre alten Pergaminhüllen gesteckt werden konnten, ohne sie aufzureißen oder dabei zu verknicken.


Europäische Baumwollhändler mit Strohhüten in Ägypten


Um 1905. Europäische Baumwollhändler in Ägypten im Büro mit Telefon

Neue Hüllen

Daher wurden sie in konservatorisch unbedenkliche Polypropylen Hüllen mit vier Einsteckfächern pro Blatt gesteckt. Das Material dieser transparenten Hüllen ist widerstandsfähig genug, um die Negative plan zu halten, sodass sie leicht auf einer Leuchtplatte gut betrachtet werden können.

Das Umpacken geschah gleich nach dem Scannen. Die Filme wurden dem ursprünglichen Album der Reihe nach entnommen, gescannt und in die neuen Hüllen gesteckt.

Die Nummern auf den ursprünglichen Umschlägen wurden mit einem wasserfesten Stift auf die Ränder aller Negative und auf die Fächer der neuen Hüllen geschrieben. Da in den ursprünglichen Umschlägen meistens mehrere Filme steckten, erhielten die Negative aus solchen Stapeln die gleiche Nummer gefolgt von einem Bindestrich mit einer fortlaufenden Nummerierung. Daraus ergab sich auch die Vergabe der Dateinamen.

Beim Aufarbeiten von Foto-Konvoluten verfolge ich das Ziel, sie zu komprimieren. Das war diesmal nicht möglich. Eine so platzsparende Verpackung wie im ursprünglichen Album war mit den neuen Hüllen nicht mehr möglich.


Ägyptische Baumwollarbeiter

Defekte Kamera oder verstellte Objektivstandarte

Wahrscheinlich wurden die Bilder mit zwei Kameras aufgenommen, von denen eine defekt oder deren Objektivstandarte falsch eingestellt war. Das ist an Fotos erkennbar, die nur auf einer Seite scharf sind mit einem zunehmenden Unschärfeverlauf zur anderen Seite.

Vermutlich wurde mit einer Klappkamera fotografiert, deren Objektivstandarte nicht parallel zum Film ausgerichtet war. Eigentlich wäre das beim Blick auf eine große Mattscheibe erkennbar gewesen. Deshalb ist anzunehmen, dass die Schärfe mithilfe einer Entfernungsskala eingestellt wurde und der Fotograf den Fehler erst später sehen konnte.

Motive

Die Fotos zeigen Szenen von einer Reise von Europa nach Ägypten, Australien und Neuseeland. Die meisten Fotos stammen aus Ägypten. Man sieht Kairo, den Nil, Pyramiden, antike Skulpturen und Bauten. Darüber gibt es Bilder rund um die Produktion der Baumwolle, von ihrer Verarbeitung und neben ägyptischen Arbeiternauch europäische Verwaltungskräfte oder Kaufleute. Leider entstanden in Australien und Neuseeland nicht mehr so viele Fotos. Möglicherweise war das Fotomaterial ausgegangen und damals in der Ferne nicht für den verwendeten Kameratypen erhältlich.

Der Passagierdampfer Bohemia (Indienststellung 1896) des österreichischen Lloyd ist mehrmals dargestellt.

Umfang: 225 Fotos


Ägypten um 1905. Baumwolle. Links: Europäischer Händler, rechts ägyptische Arbeiter mit Baumwolle

Thema: Fotonachlass aufarbeiten. Fotos erben. Alte Fotos erschließen, scannen und archivieren.