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  Fotoarchiv Gade

Israel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

© Thomas Gade

In meinem Fotoarchiv gibt es viele Bilder aus Israel, die deutsche Reisende in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen haben. Warum haben sie dieses Reiseziel gewählt? Nach 1945 war die Begegnung mit Überlebenden des Holocaust unausweichlich – eines Verbrechens, das nicht nur die Tätergeneration, sondern auch ihre Nachkommen tief geprägt und traumatisiert hatte. Jüdische Refugees aus Europa, aber auch Juden aus arabischen Ländern waren ab 1948 nach Israel geströmt. Warum reiste ein ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht Hitlers Mitte der 1950er-Jahre nach Jerusalem oder besuchte einen Kibbuz? Die Motive der verstorbenen Fotografen lassen sich nicht mehr erfragen.


Israel 1965 / Fotos: Herbert Schweeger





Fotos von Hellmut Münzner


Israel 1969 Farbdias


Rehovoth bis Sodom 1957


Jerusalem 1957


Jordan / Kibbuz 1957


Jericho 1957


Israel 1969 Jerusalem Farbdias


Drusen / Jaffa 1957


Tel Aviv 1957

Israel - 20. Jahrhundert, zweite Hälfte - Urlauber aus Deutschland

Israel war kein gewöhnliches Reiseziel wie Venedig oder die Strände der spanischen Mittelmeerküste. Eine Reise nach Israel war häufig mit tieferen Bedeutungen verbunden. Für manche stand das Interesse an den historischen Stätten der jüdischen und christlichen Tradition im Vordergrund. Andere suchten bewusst die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – ein behutsames Annähern an jene Orte und Menschen, die untrennbar mit der jüngsten europäischen Geschichte verbunden waren, ebenso wie mit dem früheren Antisemitismus und den Pogromen. Fragen nach Schuld, Verantwortung, Vergebung und möglicher Aussöhnung dürften dabei eine zentrale Rolle gespielt haben. Zugleich bot Israel die Möglichkeit, ein Land im Entstehen zu erleben, ein Staatswesen, das sich in rasantem Wandel befand und dessen Bevölkerung aus Menschen bestand, die oft selbst erst vor kurzer Zeit aus Europa, Nordafrika oder dem Nahen Osten eingewandert waren.

Aus deutscher Perspektive konnte eine solche Reise kaum unbefangen erfolgen. Die nationalsozialistische Judenverfolgung lag zeitlich noch zu nah, und viele Israelis hatten Angehörige verloren oder selbst Verfolgung erlebt. Gerade deshalb erhalten die Fotografien der damaligen Israel-Besucher aus Deutschland eine besondere Bedeutung. Was zeigen sie? Alte Ruinen, den Aufbruch in die Moderne oder Momentaufnahmen einer Gesellschaft im Wandel? Wer es bis zum Toten Meer schaffte, ließ sich häufig selbst etwa beim scheinbar schwerelosen Treiben auf dem Wasser fotografieren, das durch den außergewöhnlich hohen Salzgehalt möglich wird. In den 1950er Jahren verfügte Tel Aviv schon über Strandpromenaden und Cafés. Aber die aus anderen Urlaubsorten typischen Selbstporträts am Restauranttisch fehlen in den Bildern der damaligen Zeit. Ein Besuch Jerusalems wiederum führte nahezu immer zur Klagemauer, einem seit Jahrhunderten zentralen Ort religiöser Praxis und historischer Erinnerung.

Israel ist ein vergleichsweise junger Staat, dessen Entstehung eng mit den politischen, religiösen und gesellschaftlichen Umbrüchen des 19. und 20. Jahrhunderts verbunden ist. Die Wurzeln reichen in die Zeit des Zionismus zurück, einer Bewegung, die sich aus dem europäischen Antisemitismus heraus für die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk einsetzte. Vor dem Hintergrund wachsender Verfolgung und Diskriminierung in Europa gewann diese Idee zunehmend an Bedeutung. Viele Juden sahen in der Rückkehr in das historische Land Israel nicht nur eine politische, sondern auch eine kulturelle und spirituelle Erneuerung.

Das gelobte Land

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Großbritannien die Verwaltung Palästinas, und die Spannungen zwischen der zunehmenden jüdischen und der ansässigen arabischen Bevölkerung nahmen zu. Die politischen Ziele beider Gruppen standen zunehmend im Widerspruch zueinander. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Schrecken des Holocaust verstärkte sich der internationale Druck, eine Lösung zu finden. 1947 verabschiedeten die Vereinten Nationen einen Teilungsplan, der die Gründung zweier Staaten vorsah. Am 14. Mai 1948 wurde schließlich der Staat Israel ausgerufen. Unmittelbar darauf folgte ein Krieg mit den Nachbarstaaten, der die junge Nation vor enorme Herausforderungen stellte und zugleich die Grundlage für spätere Konflikte legte.

Kriege

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Israel unter schwierigen Bedingungen zum modernen Staat. Die ersten Jahrzehnte waren geprägt von Einwanderung, wirtschaftlichem Aufbau und wiederholten militärischen Konflikten. Menschen aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten kamen ins Land und brachten unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit. Diese Vielfalt beeinflusste Gesellschaft, Politik und Kultur nachhaltig. Gleichzeitig investierte Israel stark in Bildung, Landwirtschaft und Technologie. Die Umwandlung von Wüstengebieten in landwirtschaftlich nutzbares Land wurde zum Symbol für den Aufbauwillen des jungen Staates. Ausländische Besucher konnten diese Entwicklungen mit eigenen Augen sehen.

Politisch blieb die Situation angespannt. Kriege in den Jahren 1956, 1967 und 1973 sowie die anhaltenden Konflikte mit den Palästinensern bestimmten die Lage Israels. Dennoch entwickelte sich das Land wirtschaftlich weiter. Besonders ab den 1980er- und 1990er-Jahren gewann der Technologiesektor an Bedeutung, was Israel den Ruf einer innovationsstarken Nation einbrachte. Parallel dazu wurde die Gesellschaft pluralistischer, auch wenn Spannungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen bestehen blieben.

Reiseland

Trotz der politischen Unsicherheiten begann sich Israel auch für deutsche Besucher als Reiseland zu etablieren. Für gläubige Christen aus Deutschland waren Orte wie Jerusalem, Bethlehem oder Nazareth von historischer und spiritueller Bedeutung. Gleichzeitig bestand bei vielen Deutschen ein Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Reisen nach Israel boten die Möglichkeit, jüdisches Leben kennenzulernen und ein Land zu besuchen, das eng mit der Geschichte des Holocaust verbunden war.

Aufbruch in die Moderne

Ein weiterer Faktor war die Faszination für ein Land im Aufbau. Man konnte Arbeitergruppen beim Verlegen dicker Wasserrohre durch die Wüste sehen, ein Sinnbild für die enorme Anstrengung, lebensfeindliche Regionen bewohnbar zu machen. Gleichzeitig wurden junge Menschen, Frauen wie Männer, an der Waffe ausgebildet, um auf die gewaltsamen Auseinandersetzungen in diesem Land vorbereitet zu sein. Für viele deutsche Besucher war dies ein ungewohnter Anblick, der sowohl Bewunderung als auch Nachdenklichkeit auslöste.

Israel galt als Beispiel für Dynamik und Neuanfang. Die Entwicklung moderner Städte, die landwirtschaftlichen Erfolge und die kulturelle Vielfalt machten das Land für viele Besucher interessant. Hinzu kamen das milde Klima und die landschaftliche Vielfalt, die von Mittelmeerstränden über Wüstenlandschaften bis hin zu historischen Stätten reicht.

In den 1960er- und 1970er-Jahren nahm der Tourismus weiter zu, auch wenn politische Krisen immer wieder zu Einbrüchen führten. Reiseveranstalter begannen, organisierte Rundreisen anzubieten, die sich insbesondere an europäische Besucher richteten. Deutsche Touristen bildeten dabei eine wichtige Gruppe. Die diplomatische Annäherung zwischen Deutschland und Israel in den 1960er-Jahren führte zu einer allmählichen Normalisierung der Beziehungen.

Jerusalem

Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die Besucher bis heute anziehen, gehört vor allem Jerusalem. Die Altstadt mit ihren religiösen Stätten ist ein zentraler Anziehungspunkt. Die Klagemauer, die Grabeskirche und der Felsendom stehen symbolisch für die religiöse Bedeutung der Stadt. Viele Touristen halten diese Orte in Fotografien fest, da sie eine einzigartige Verbindung von Geschichte, Glauben und Gegenwart darstellen. Die engen Gassen, die Mischung aus Sprachen und die sichtbaren Spuren verschiedener Epochen hinterlassen bei vielen Besuchern einen bleibenden Eindruck.

Tel Aviv

Ein weiteres bedeutendes Ziel ist Tel Aviv, das sich als moderne Metropole am Mittelmeer präsentiert. Die Stadt ist bekannt für ihre Bauhaus-Architektur, ihre Strände und ihr buntes Nachtleben. Gleichzeitig gilt sie als wirtschaftliches Zentrum Israels, in dem sich Start-ups, internationale Unternehmen und kulturelle Einrichtungen konzentrierten. Für deutsche Reisende bot Tel Aviv einen Kontrast zu den religiös geprägten Orten des Landes – eine jung wirkende Stadt, die den Blick auf ein modernes Israel ermöglichte.

Hauptstadt

Die beiden Städte waren in ihrer Bedeutung auch politisch verbunden. Aus israelischer Sicht galt Jerusalem seit 1949 als Hauptstadt, de facto hatte aber Tel Aviv diese Rolle inne. Die meisten internationalen Botschaften waren dort gelegen. Der Staatsapparat – viele wichtige Behörden, Ministerien und insbesondere wirtschaftsnahe Institutionen – befanden sich in Tel Aviv, während die Knesset (Regierung) ihren Sitz in Jerusalem hatte. Diese Doppelstruktur spiegelte die politische Komplexität des Landes wider.

Landschaft, Geschichte und Kultur

Im Kontrast dazu steht die Wüste Negev mit ihrer kargen Schönheit und Weite. Auch das Tote Meer zieht Besucher an, vor allem wegen seines extrem hohen Salzgehalts, der ein besonderes Badeerlebnis ermöglicht. In den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelte sich der Tourismus weiter. Die Infrastruktur wurde ausgebaut, Hotels modernisiert und internationale Flugverbindungen erweitert. Gleichzeitig wuchs das Interesse an kulturellen und historischen Reisen. Deutsche Besucher nahmen verstärkt an Studienreisen teil, die sich mit Geschichte, Religion und Politik des Landes befassten. Die Friedensprozesse der 1990er-Jahre führten zeitweise zu einem weiteren Anstieg der Besucherzahlen. Israel wurde zunehmend als sicheres und attraktives Reiseziel wahrgenommen. Auch jüngere Reisende entdeckten das Land, insbesondere Tel Aviv mit seiner offenen und kreativen Atmosphäre.

Tourismus trotz vieler Spannungen

Dennoch blieb der Tourismus anfällig für politische Entwicklungen. Konflikte und Sicherheitslagen hatten immer wieder unmittelbare Auswirkungen auf die Besucherzahlen. Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich Israel trotz seiner komplexen Geschichte zu einem bedeutenden Reiseziel entwickelt hat. Bis heute ist das Land ein Ort, der polarisiert und an dem Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise zusammenkommen. Gerade diese Spannung macht Israel für viele Besucher aus aller Welt zu einem faszinierenden Reiseziel.