Franz Baake
© Thomas GadeFranz Baake (31. 12. 1931 - 23. 3. 2025) war Regisseur, Fotograf, Autor und Psychologe. Er schrieb Bücher und führte zwischen Ende der 1950er bis in die 1970er Regie für verschiedene Filme von United Artists.
1960 - 1963. Mittelformat-Dias von Franz Baake
Fotografien. Ca. 500 Fotos auf Mittelformat-Rollfilm. Gerahmte 6x6 Dias, Zugang: 20082007 wurde ich gebeten, mit einem älteren Herrn Kontakt aufzunehmen, der seine Fotos verkaufen wollte. Zu dieser Zeit stand ich kurz davor, das weitere Sammeln fremder Fotografien aufzugeben. Die Einnahmen aus der Lizenzierung solcher Bilder waren durch die Umwälzungen im Bildermarkt nahezu vollständig versiegt. Aus den spärlichen Erträgen ließ sich die aufwendige Erschließung und Archivierung nicht mehr finanzieren. Doch von ihm hieß es, er habe gute Filme gedreht und Bücher veröffentlicht. Das machte mich neugierig, und deshalb besuchte ich Franz Baake.
Flugzeuge 1960
Europa 1960
Gemischtes Konvolut:
Dänemark
England
Niederlande
Dänemark
England
Niederlande

Berlin Kurfürstendamm 1961
Berlin diverse 1961

Berliner Mauer 1961
New York 1960
Mexiko 1960
Kalifornien 1960
Er empfing mich in einem zentralen Raum in seiner Berliner Wohnung, in dem ein Konzertflügel stand. Darauf lagen Dinge allerhand ausgebreitet. Pralinen, Papiere, Fotos, Bücher und andere Gegenstände. Das Instrument war zur Ablagefläche verwandelt. Im Gespräch erwies Franz Baake sich als Mensch mit vielen Talenten und mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte.
Fotografische Anfänge
Franz Baake erhielt als 12-jähriger die Box von seiner Mutter, die sie selbst in jungen Jahren benutzt hatte. Als Box bezeichnete man einfache, quaderförmige Kameras mit Gehäusen aus Holz und Pappe, mit denen Rollfilme belichtet wurden. Baakes Box konnte 8 Fotos im Format 6 × 9 pro Film aufnehmen. Der einfache Fotoapparat, bei dem sich weder Belichtungszeit, Blende und Entfernung einstellen ließen, war eine Schönwetterkamera, die nur bei strahlendem Sonnenschein sinnvoll einzusetzen war. Bei Franz Baake erweckte die Box eine Leidenschaft für die Fotografie. Allerdings passierte das in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, in denen Filme allmählich Mangelware wurden. Die Fotogeschäfte behielten sie vorzugsweise Kunden vor, die auch teure Kameras und Objektive erwarben. Baake hatte in einem Fotogeschäft einen Katalog erhalten, in dem die damaligen noch erhältlichen Kameras aufgeführt waren. Die Eltern waren allerdings nicht bereit, dem Jungen gleich eine bessere zu kaufen. Durch das Kriegsende und die Geldentwertung war es dann auch erst einmal nicht mehr möglich.
Baake war nach Todesfällen früh für sich selbst verantwortlich und musste sich als Malergehilfe und in einem Geflügelgeschäft durchschlagen, bis sich 1952 für den 21-jährigen die Möglichkeit ergab, im Lette Verein eine Ausbildung zum Fotografen zu absolvieren, die er 1954 als Geselle abschloss.
United Artists
Danach arbeitete er für die United Artists in der Spielfilm-Produktion als Pressereferent, Kameramann, im Schnitt und als Regisseur. 1964 nahm er an der TU Berlin ein Psychologie-Studium auf, blieb aber weiterhin als Regisseur tätig. 1962 wurde der Film Test for the West, an dessen Produktion Baake als 'Director' mitwirkte, während der Berlinale mit dem silbernen Bär ausgezeichnet und 1974 der Film 'Schlacht um Berlin' zur Oscar-Preisverleihung nominiert.
Darüber hinaus ist er Schriftsteller. Ende der 1960er erschien sein Buch 'Lyrik, Essays'. Zu seinen bemerkenswerten Büchern gehören 'Pia, Pio und ich – Die Geschichte eines allein erziehenden Vaters' aus dem Jahre 1988 und 'Jesus total' aus 1992. Fragen über seine Biografie beantwortete Franz Baake in seinem Buch Enkel fragt Großvater, das 2013 erschien.
Seine Mehrgleisigkeit wurde 1977 durch die Aufnahme als Psychologe in die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie unterstrichen. Ihn interessierten außerdem die Astrologie und Parapsychologie. Weit gefehlt wäre daraus jedoch der Schluss, dass Baake esoterisch oder weltfremd war. 1982 erlangte er seinen Meisterbrief in der Fotografie.
Zum Zeitpunkt unseres ersten Treffens war Franz Baake 77 Jahre alt und immer noch beruflich tätig. Er hatte sich in Kooperation mit einer Arztpraxis auf Therapien für Patienten spezialisiert, denen mit der Schulmedizin nicht weitergeholfen werden konnte. Vieles davon erfuhr ich in interessanten Gesprächen, bevor wir zu den Dias kamen, die er abgeben wollte.
Farbdias auf Mittelformat
In acht Holzkästen, etwa so groß wie Schuhkartons, befanden sich gerahmte 6×6 Dias aus der Zeit von ca. 1960 bis 1961. Die Holzkisten hatten ein Fassungsvermögen von jeweils 100 gerahmte Dias und waren nicht vollständig gefüllt.
Diavorträge in den USA
Die Geschichte zu den Bildern: Ein Freund Franz Baakes studierte Anfang der 1960er-Jahre an der Columbia University in New York. Baake folgte seinem Vorschlag, ihn zu besuchen und in den USA Diavorträge über Berlin zu halten, eine vielversprechende Idee, weil die Stadt aufgrund der Spannungen zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion im internationalen Fokus stand. Für seine Aufnahmen erwarb er eine zweiäugige Rolleiflex-Kamera, die 6×6-Fotos auf Mittelformat-Rollfilm ermöglichte. Er fotografierte das lebhafte Treiben am Kurfürstendamm ebenso wie die Humboldt-Universität im Ostteil der Stadt. Weitere Bilder entstanden zeitnah auch in anderen europäischen Ländern.
In seinem Buch Enkel fragt Großvater berichtet Baake, dass er 1960 in die USA reiste. 1961 wurde die Berliner Mauer errichtet. Auch davon existieren 6x6 Fotos. Ob er dafür zwischendurch nach Deutschland reiste oder die Aufnahmen erst nach seiner endgültigen Rückkehr machte, ist unklar.
Der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt schrieb ihm ein Grußwort für die Vorträge in den USA. Mit nur 50 DM in der Tasche und ohne Englischkenntnisse brach Baake auf und blieb rund anderthalb Jahre. Seine Dias zeigte er häufig. Den begleitenden Text sprach ein englischkundiger Freund. Direkt verdient hat er damit nichts, doch durch neue Kontakte erhielt er bei United Artists einen Job als Toningenieur, mit der für damalige Verhältnisse hohen Bezahlung von 50 Dollar pro Stunde. 1962 entsprach ein US-Dollar vier DM. Baake hatte gar keine gültige Arbeitserlaubnis für die USA, aber das schien niemanden zu stören. Er kehrte schließlich mit einigen tausend Dollar nach Berlin zurück.
Baake fotografierte auch in den USA. Seine New-York-Aufnahmen wirken wie Szenen aus Spielfilmen jener Zeit. Straßenschluchten, gelbe Taxis, die Skyline im Dunst, Menschen im hektischen Alltag. Seine Bilder zeigen ein gutes Gespür für Motive, Perspektive und Licht. Seinen USA-Aufenthalt nutzte Baake für einen Abstecher nach Mexiko. Später fotografierte er auch in einigen europäischen Ländern.
Die alten Dias schienen für ihn nach über 40 Jahren nicht mehr wichtig gewesen zu sein. Viele waren rotstichig geworden. Vielleicht war das der Grund, weshalb die Verbindung zu mir hergestellt wurde. Ich hatte mich beruflich u.a. auf das Scannen alter Fotos spezialisiert, was häufig die Gelegenheit bot, Farbstiche digital zu entfernen und die Tonwerte der Bilder auf diese Weise zu restaurieren.
Wir vereinbarten, dass ich die Bilder auf eigenes Risiko und unter Ausschluss jeglicher Verantwortung für Franz Baake frei verwerten und die Rechte auch an Dritte übertragen durfte. Kurz gesagt: Ich konnte damit tun, was ich wollte, solange daraus keine Risiken für den Fotografen entstanden. Sein Name sollte jedoch stets als Urheber genannt werden.
Berlin 1960 bis 1961
Um 1960 befand sich der kalte Krieg in voller Blüte. Als Gegner stand die Sowjetunion den NATO-Staaten gegenüber. Die heißen Kämpfe wurden als Stellvertreterkriege nicht mehr in Europa ausgefochten, sondern in Korea (1950-1953), Vietnam (1955-1975) und während der Kubakrise 1962 hätte es zum atomaren Schlagabtausch kommen können.
Berlin war nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden. Die östliche Hälfte war von den Russen besetzt, während das westliche Berlin aus den französischen, englischen und amerikanischen Sektoren bestand. Der Westteil gehörte zur BRD, während Ost-Berlin zur Hauptstadt der DDR wurde. Am 13. August 1961 wurde als Teil einer Grenzbefestigung zwischen der DDR und BRD durch Kräfte aus der Sowjetischen Besatzungszone Ost-Berlin von West-Berlin abgeriegelt und mit dem Errichten der Berliner Mauer als Teil des Eisernen Vorhangs begonnen. Das war in aller Stille gut vorbereitet worden und kam für die meisten Bürger völlig überraschend. Von heute auf morgen war die Grenze unpassierbar geworden.
Franz Baake fotografierte 1960 im Ostteil der Stadt die Humboldt-Universität in der Straße Unter den Linden. Einige seiner Fotos zeigen das Brandenburger Tor ohne Mauer. Jeder konnte noch frei die Sektorengrenzen passieren. Im Jahr darauf endete diese Freizügigkeit und auf späteren Fotos sind Mauern zu sehen, die Straßen versperrten, welche von der Bernauer Straße abzweigten, zugemauerte Fenster von Häusern auf dem Grenzstreifen und Stacheldrahtzäune sowie auch Trauerkränze und Mahnmale für Menschen, die beim Versuch des Grenzübertritts vom Osten in den Westen den Tod fanden.
Um 1960 waren längst die meisten Trümmer der im Krieg zerbombten Häuser geräumt. Aber noch immer wurden verwertbare Ziegelsteine aus Ruinen geborgen. Ein Foto Baakes zeigt einen alten Mann neben gestapelten alten Ziegelsteinen und Metallschrott. Im Hintergrund erhebt sich ein Trümmerberg aus dem Schutt zerstörter Gebäude. Es handelt sich wohl um den 55 m hohen Teufelsberg im Berliner Grunewald.
1961 flanierten nur wenige Kilometer von der Berliner Mauer entfernt gut gekleidete Leute auf dem noblen Kurfürstendamm im Berliner Ortsteil Charlottenburg. Im Hintergrund einiger Fotos ist die im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstörte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz zu sehen.
Am Kurfürstendamm steht Berlins einzige Kanzel, aus der Verkehrspolizisten von 1956 bis 1962 den Straßenverkehr regelten. Das merkwürdige Gebäude an einer U-Bahn-Station besteht aus einem Kiosk im Erdgeschoss mit einem großen Flachdach, über dem ein aufragender Stahlbetonträger die Verkehrskanzel trägt. Das Gebäude steht noch und wird weiterhin als Kiosk und Überdachung Treppe zur U-Bahn benutzt, während der Hochsitz für die Verkehrspolizisten schon lange keine Funktion mehr erfüllt. Auf einem Foto Franz Baakes ist noch ein Verkehrspolizist in der Kanzel über dem Kiosk zu sehen.
Weitere Bilder aus der Serie zeigen neben dem angenehmen Treiben auch den fließenden Autoverkehr mit vielen VW-Käfern. Bei den Frauen galten Sonnenbrillen und Chiffon-Kopftücher als modisch. Franz Baake fotografierte dort aber auch Akteure, die offenbar kein leichtes Los hatten. Eine alte, dick angezogene Frau als Zeitschriftenverkäuferin auf den Stufen eines Hauseingangs oder Schuhputzer und Invalide, die ebenfalls Zeitschriften verkauften. 1963 fotografierte Baake die Menschenmenge vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin anlässlich des Besuchs des US-Präsidenten John F. Kennedy.
2021 - Artikel in der PhotoKlassik
2021 konnte ich einige Bilder von Franz Baake mit einem Begleittext in der Zeitschrift PhotoKlassik 2021-IV publizieren. Anlässlich der Veröffentlichung lebte der Kontakt mit ihm wieder auf. Er war als fast 90-jähriger geistig fit und konnte sich sehr gut an vieles erinnern, auch an unsere Begegnungen wegen meines Kaufs seienr alten 6x6 Dias im Jahre 2008. Er fragte nach gemeinsamen Bekannten und sogar nach meiner Schwester. Ich wusste vorher gar, dass er sie kannte.
Stand der Erschließung
Die Dias wurden zügig nach dem Erwerb aus den Rahmen ausmontiert und gescannt. Die meisten Bilderserien waren aufgrund von Titeln auf Zeitschriften, Datumsangaben in einigen Bildern und erkennbaren Ereignissen zeitlich gut einzuordnen. Die Dateien wurden mit eingebetteten Bildinformationen (IPTC-Infos) versehen.
Baake fotografierte wohl freihändig. Daher sind viele Bilder nicht ganz so scharf wie sie mithilfe eines Stativs hätten gelingen können. Versuche ergaben, dass die Detailauflösung der Scans aus einem Epson Perfection Photo V750 Flachbettscanner auch mit besserer Technik nur selten verbessert werden konnte. Einige Fotos sollten trotzdem erneut digitalisiert werden, um bessere Tonwerte bei besonders farbstichigen Vorlagen zu erhalten.